Ändere deinen Namen von Zeit zu Zeit

Ich erinnere mich, dass ich als Architekturstudent einen Professor in unserer Universität hatte, den wir Dr. F-Weiler nannten, weil das F-Wort ein Teil seines Familiennamens war: Fickweiler. Vor allem wagten meine muslimischen Studienkolleginnen nicht, seinen Namen auszusprechen, da das einfach ḥarām ist. Und ich erinnere mich an die Mutter meines Kollegen, als ich bei Benetton arbeitete, die den Vornamen Lolita hatte. Sie muss jetzt 50 oder so sein.
Mein Vorname lautet Van Bo und mein Familienname Le-Mentzel. Aber viele Freunde nennen mich Prime oder Primo. (Den Spitznamen Prime bekam ich als Kind, weil ich immer mit dem Spielzeugroboter namens Optimus Prime spielte.) Meine ghanaischen Freunde nennen mich Primus. Einer meiner besten Freunde fügte dem „Primus“ „Longus“ hinzu, nur um sich über mich lustig zu machen. Mein Cousin Aloun (zu dem ich Big Al oder Alhuhn sage) nennt mich Hanf-Bo (ich rauche kein Shit) und ich erinnere mich an ein Hippie-Mädchen, mit dem ich ausging, das mich für eine lange Zeit Sandro nannte, bis ich ihr verdeutlichte, dass da wohl ein Missverständnis vorliegt. Meine Studienkolleg/innen rufen mich Lee und meine Freunde aus meiner Teenagerzeit P-Reim-MC (das war mein Name als Rapper). Noch heute nennt mich mein Bankberater Herr Prime Lee, denn das ist der Name auf meiner Kreditkarte. Eines Tages habe ich diesen Namen noch als offiziellen Künstlernamen auf meinem Ausweis hinzugefügt. Freunde aus meiner Kindergartenzeit rufen mich Jumbo, denn das ist irgendwie mein richtiger Name.
Journalisten werden verrückt, wenn sie über meine Projekte schreiben. Hier ist eine Liste der falschen, aber sehr kreativen neuen Kombinationen: Le Van Bo (Spiegel), Le Van Bo Mentzel (Berliner Zeitung), Bo Lementzel (Süddeutsche), Levon Bo-Mentzel, Le Menzal (CNN), Le Mentale (HFBK Hamburg ), Bo-Le Mentzel (Horizont), Prime Lee-Mentzel (Finanzamt Kreuzberg), Bambi Lemenzel, Herr Gemetzel, Prime Bo-Van Le. Ich habe meinen Google Alert gestoppt.

Van Bo Le-Mentzel

Van Bo Le-Mentzel
(c) Simon Jappel

Irgendwie genieße ich es meinen Namen in neuen Kombinationen zu lesen und ich korrigiere es nie, wenn Journalisten meinen Namen auf eine neue Art schreiben. Warum? Es ist nicht wichtig. Wer braucht einen statischen Namen? Konfuzius (Deutsch) wird in der polnischen Literatur zu Konfucjusz. Sonst tritt er auch als Konfutse (Dänisch), Kong futsi (Estnisch) Konfusyus (Kurdisch), Konfuci (Albanisch) oder als Konefasia auf Samoanisch auf. Ist es nicht eine verrückte Idee, dass dieselbe Person einen spezifischen Namen in verschiedenen Sprachen bekommt?
Vor ein paar Jahren gab es eine Ausstellung über den japanischen Maler Hokusai im Martin-Gropius-Bau Museum. Seine ersten Gemälde veröffentlichte Hokusai im Jahre 1779 unter dem Namen Katsukawa Shunro. Dies war sein Name als Lehrling. 1781 änderte er seinen Namen in Zewaisai und wechselte den Meister und seine Schule. Vier Jahre später nannte er sich Gumbatei und im Jahre 1795 änderte er seinen Namen in Sori. Als 37-jähriger Maler tauchte er wieder unter dem Namen auf, den wir heute kennen: Hokusai. Danach wechselte er erneut mehr als 20-mal seinen Namen und starb als Master Fujiwara Litsu. Er hinterließ uns 30.000 (sic!) Gemälde und die Manga-Idee.
Ein Mensch ändert seine Interessen und Sichtweisen tausendmal, warum sollten unsere Namen es dem nicht gleichtun? Und mit mehreren Namen hat man einen großen Vorteil. Wenn die Leute mich auf der Straße „Jumbo“, „P-Reim-MC“ oder „Van Bo“ rufen, weiß ich sofort, ob ich den Rufer als Kind, Teenager oder als Erwachsener kennengelernt habe. So muss Professor F-Weiler von meiner Universität seinen Namen nicht all zu ernst nehmen und warum nicht: Stell dich der nächsten Studierendengeneration als Dr. Fuckwhile, Bumsbleiber oder Mr. Love vor. Ändere deinen Namen von Zeit zu Zeit. Es erinnert dich daran, dass du deine Ansichten von Zeit zu Zeit ändern solltest. (Van Bo Le-Mentzel, übers. von Anna, dieKulturvermittlung, 15.04.2015)

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Van Bo Le-Mentzel ist ein deutscher Architekt und Vortragender laotischer Herkunft. Er wurde vor allem mit seinen Möbelbauanleitungen (Hartz IV Möbel, Build more buy less) und mit seinem 1 m2-Haus zum Selberbauen bekannt. Außerdem erregt er als Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg für Aufsehen: Alle seine Studierenden, so hat er es angekündigt, werden bei ihm einen Einser bekommen.

Wenn du ihn treffen möchtest, sei in Hamburg 4.5. (+ 8.6. / 6.7. / 24.10. / 2.11.) – Berlin 23.5. (+12.6. / 20.6. / 24.10.) – Zürich 15.4. – Wiesbaden 18.4. – Frankfurt 22.4. – Köln 1.5. (+ 5.8.) – Paderborn 19.6. – Ludwigshafen 14.7. – Wien 9.5. (+ 3.8. / 10.8. / 17.08. / 24.08.) – Bonn 20.9. – Los Angeles 28.9. – Heidelberg 14.11.



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